Sneh Victoria Schnabel - Familienstellen

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WIE WEIT IM SYSTEM ZURÜCK?
Sneh Victoria Schnabel

Zu Beginn meiner Arbeit mit dem Familienstellen schien sich alles im Bereich der Ursprungsfamilie bis hin zu den Grosseltern abzuspielen, gelegentlich auch bis hin zu den Urgrosseltern, weiter nicht.

In den letzten Jahren hat sich das allerdings verändert, auch wenn in den meisten Fällen genaue Information über Daten und Fakten fehlen.

Meistens kam der Hinweiss auf ein so weit zurückreichendes Ereignis von den Mitspielern selbst, und das auch nur, wenn sie erfahren genug waren oder genügend unerfahren, "unverdorben".

So geschah es einmal in einer Gruppe, dass ein Stellvertreter, der in der Rolle des Vaters einer Klientin stand, letztendlich den Mut fand, zu sagen, was auf seinem Platz in ihm vorging, obwohl, wie er sagte, es keinen Sinn für ihn mache.

Es ging in der Aufstellung um den Wunsch einer jungen Frau, ihre bis dahin unglücklichen Beziehungen anzuschauen. Besondere Geschehnisse waren nicht bekannt.

Die Kernfamilie wurde aufgestellt, und es fiel Folgendes auf: Bruder und Vater hatten ein stark schmerzendes Gefühl im Genick, Mutter und Tochter fühlten sich unverbunden, wie verloren, alle waren auf eine Ecke des Raumes hin ausgerichtet. Der Raum war sehr lang, die Ecke damit ziemlich weit weg von der Aufstellung.

Der Vater äusserte sich als erster: "Ich fühle mich wie auf einem Gleis und weit zurückschauend, sehr weit in die Ferne", wobei er auf die Ecke schaute. Bei den anderen gab es kaum Veränderungen, sie verharrten in ihren Positionen, wie ein gefrorenes Bild. Nach einer ganzen Weile von angehaltenem Atem, in der die gesamte Energie beim Vater zu liegen schien, kam dann die Aussage des Vaters: er habe ein Wort, dass ihm ständig im Kopf herumgehe, und er jetzt aussprechen wolle. Das Wort war: Guillotine.

Ich stellte die mir am nahesten sitzende Person, eine Frau, für "Guillotine" in die Ecke, auf die alle schauten, und einige "Opfer" dazu. Und jetzt kam Bewegung in die Aufstellung: der Vater viel zu Boden und lag beinahe wie tot, die Tochter lief zu ihm und kauerte sich neben ihn, und die Person, die für Guillotine stand, brach schluchzend und tragisch in sich zusammen. "Sie töten mich, ich sterbe, ich sterbe ..." waren ihre Worte. Die anderen, die ich als vermeintliche Opfer dazugestellt hatte, standen, sie fast verdeckend davor.

Der Vater äusserte sich zum Geschehen mit tränenerstickter Stimme: "Ich fühle mich wie eingekesselt von der Menge, und vor meinen Augen wird meine Liebste geköpft, und ich kann nichts machen, kann nicht zu ihr, um sie zu retten."

Ich suchte einen Stellvertreter für den Mann, der das damals erlebt haben könnte und liess ihn sich neben die sterbende Frau legen. Und da gaben die anderen, vermeintlichen Opfer, den Blick auf das Gesamtbild frei. Die Art, wie die beiden zusammenlagen, je auf der sich zugewandten Seite und je den einen Arm über dem Kopf so aufeinander zugestreckt, dass sie sich an den Fingerspitzen berührten, gab das perfekte Bild eines Herzens ab. Für eine Weile war es ganz still im Raum. Der Vater, der zuvor wie tot am Boden gelegen hatte stand inzwischen gerade neben seiner Tochter und schaute mit ihr auf das Bild des Liebespaares.

Die Körper der Beiden bewegten sich wie von selbst aufeinander zu, bis sie miteinander zu verschmelzen schienen.

Der Vater schaute die Tochter an, ich liess ihn den Satz Sagen: "die Liebe stirbt nicht."

Die Tochter entspannte sich, und beide drehten sich dem Bruder und der Mutter zu. Die Tochter nahm jetzt den Platz neben der Mutter ein, mit ihrem Bruder daneben, das Bild des Paares trat in den Hintergrund. Der Vater lächelte seine Frau an.

Wir beschlossen, vorerst nicht darüber zu reden, es einfach so zu lassen.

Bei der nächsten Runde erzählte der Stellvertreter des Vaters, ein geschulter Teilnehmer, der an diesem Seminar hospitiert, dass er das mit der Guillotine nur habe sagen können, weil er das Vertrauen hatte, ich würde das Richtige damit machen.

Ich weiss aber, dass er in erster Linie sich selbst vertrauen musste, das Wort auszusprechen, auch wenn es da noch keinen Sinn für ihn ergab.

Wo diese Geschichte herkam, und ob sie 'wahr' ist, bleibt offen. Im Augenblick ihrer Entfaltung hätte sie jedoch nicht wahrer sein können.

 
In einer anderen Gruppe zeigte sich ebenfalls eine Bewegung, die auf weit zurückliegendes Geschehen hinwies: Eine Teilnehmerin hatte extrem chaotische Verhältnisse in ihrer Gegenwartsfamilie mit äusserst gefährdeten Kindern und eigener Geschichte von Zeiten tiefster Depression. Nichts in ihrem System konnte dem Ausmass des Gefühls der Bedrohung Rechnung tragen, aber allen Stellvertretern standen die Haare zu Berge.

Eine Urgrossmutter, die wir wegen einer Totgeburt dazustellten, und die tatsächlich starke Wirkung auf die Klientin hatte, fühlte sofort einen extrem starken Zug nach hinten in ihrem Nacken. Sie begann dann von erstaunliche Bildern zu berichten, die sich in ihrem Innersten abspielten: sie fühlte sich viel, viel älter, weiter zurück in der Zeit und bedroht auf eine Weise, die mit Horror und Totesangst verbunden war. Sie sprach von einer Menschenmenge und Steinen, die auf sie geworfen wurden, mit der Absicht zu töten.

Zu diesem Punkt löste ich die Aufstellung auf, da der Klientin nichts bekannt war und sie starke Zweifel zu dem Ganzen äusserte. Ich selbst weiss nicht, wie das wahrgenommene Geschehen zu Tage trat. Gehört es zur Klientin, gehört es eher zur Stellvertreterin, oder gar einfach zum Augenblick der Gruppe? Ich nehme es als das, was sich zu diesem Zeitpunkt, mit genau diesen Menschen und mir als Leiterin der Aufstellung zeigen wollte. Wenn es dienlich ist für die Klientin ist es mir recht, ich schliesse aber nicht aus, dass manche Aufstellungen (wenn nicht sogar alle) der Gruppe "gehören", das heisst, für andere wichtig sind.

 
Bilder, die Generationen zurückliegen, kamen mir gehäuft in den Staaten entgegen, besonders, wenn ich mit Indianern oder Nachkommen von Indianern arbeitete. (Bei nicht wenigen Amerikanern hatte eine Ahnin oder ein Ahne die Ehe oder Beziehung mit einer Indianerin oder einem Indianer.)

Einmal war nur bekannt, dass eine Ahnin auf dem "Trail of Tears", dem "Pfad der Tränen" fast alle Familienmitglieder verloren hatte. Es war jener gewaltsame Marsch der Cherokee von ihrem Land in das ihnen zugewiesene Reservat, bei dem ein Drittel aller Teilnehmer an Hunger, Erschöpfung, Krankheit und vor allem am gebrochenen Herzen zu grunde ging. Der Marsch war von Regierungssoldaten begleitet, die auch für die Versorgung verantwortlich waren. Aber die Organisation brach zusammen, der Marsch dauerte Monate länger als geplant und in den Winter hinein, und insgesamt waren die begleitenden Soldaten hoffnungslos mit er Aufgabe überfordert und ungenügend vorbereitet.

Die Geschichte, die sich dann in der Aufstellung zeigte, liess folgendes Bild entstehen: Die vorher benannte Ahnin konnte sich kaum auf den Füssen halten, rang die Hände in grösster Verzweiflung und Not und konnte den Blick nicht heben. Endlich sagte sie unter Mühe, dass sie vor Scham sterben wolle, weil sie in all dem Horror, der ihrer Familie wiederfuhr, Liebe zu einem weissen Soldaten fühlte ... Die Klientin hatte als Anliegen genannt, sich in der Beziehung zu ihrem Mann oft sehr deprimiert zu fühlen.

Wer selber aufstellt oder in vielen Aufstellungen stand, weiss, dass solche Bilder nicht einfach einer überreichen Phantasie entsteigen, sondern sich ziemlich erbarmungslos aufdrängen. Manchmal wollen wir sie am liebsten nicht benennen, weil der Verstand sie als übertrieben, peinlich oder gar unglaubwürdig beurteilt.

Nach wie vor bleibt offen, wo diese Bilder herkommen und welche Kräfte sie in Szene setzen, auch, warum wir fähig sind, sie wahrzunehmen. Die Wirkung auf uns ist allerdings immer eindrücklich und zutiefst ergreifend.

 
Von einer letzten Geschichte, die 300 Jahre in die Vergangenheit reicht, möchte ich im Folgenden berichten. Sie geschah zum Ende einer 21 tägigen Fortbildung in den USA. Das Geschehen erklärte in Vielem, wie längst vergangene Traumata der Familie noch nach Jahrhunderten in unsere Beziehungen hineinwirken können.

Die Organisatorin einer meiner Fortbildungen nahm in ihr auch als Teilnehmerin teil. Auch wenn das nicht die ideale Lösung ist, war es ihr Wunsch, dem ich mich nicht verschliessen konnte. Auf mir unerklärliche Weise wurde dann im Verlauf der 21 Tage dauerneden Fortbildung unsere Arbeitsbeziehung mit jedem Mal ein bisschen mühsamer.

In den letzten Tagen der Fortbildung spitzte sich der Konflikt dann zu, nachdem sie während einer Aufstellung die Dynamik der Gruppe zum Thema hatte, aus dem Raum lief und bis nach der Mittagspause nicht auffindbar war. Die Gruppenteilnehmer, die sie gesucht hatten, waren wütend, als sie nach der Pause tat, als sei nichts geschehen. Einige machten Ihrem Ärger Luft, woraufhin sie sagte, sie fühle eine Migräne aufsteigen und wolle jetzt gehen. Ich äusserte, dass ich das nicht gerne sehen wollte, woraufhin sie sagte, "sie fühle sich von den anderen überwältigt ("outnumbered"), sie fühle sich auch mit mir nicht sicher. "Sie sei in Gefahr." Bei diesen Worten fiel mir eine Aufstellung zu ihrer Familiengeschichte ein, in der vor 300 Jahren in der Linie der Mutter in Schottland der fast gesamte Klan der MacDonalds vom Klan der Campbells erschlagen worden war. Die Aufstellung blieb damals eigenartig blutleer. Die Geschichte fand in Schottland in den Highlands statt. Die wichtige Information zu der damaligen Geschichte ist, dass bei dem dortigen harschen Klima mit Eisstürmen und gewaltigen Gewittern, das Gesetz galt, jeden, der in der Nacht anklopft, einzulassen. Nur die Waffen müssen an der Tür abgegeben werden.

"Eines Nachts klopften die Campbells an die Tür der MacDonalds, die sie eben nach dem Gesetz der Highlands einlassen mussten, obwohl sie befeindet waren. Die Campbells hatten aber Waffen unter ihren Kleidern versteckt, die sie in der Nacht benutzten, um den Klan der MacDonalds in einem blutigen Gemetzel regelrecht abzuschlachten ... ein oder zwei Kinder, zusammen mit einer alten Magd konnten dem Blutbad entgehen und durch Nacht und eisige Kälte zu Fuss entfliehen."

Diese Geschichte wurde in der Familie von Generation zu Generation weitergegeben.

Als ich erzählte, an was mich ihr Verhalten und ihre Worte erinnerten, war sie einverstanden zu bleiben. Unsere Schwierigkeiten hatten in meiner Wahrnehmung zum sicher damit zu tun, dass sie mich nach USA, und in ihr Haus eingeladen hatte, womit ich in gefährliche Nähe des Campbell Klans rutschte. Auch die Gruppenmitglieder wurden Teil der alten Saga. Sie wurden zu den Gästen, die Gefahr fürs Leben bringen.

Noch etwas lernten wir alle von dem Geschehen: der Mörder wird Teil des Systems der Ermordeten, der Aggressor kommt in das System, unerkanntermassen. So wird es dann möglich, dass eigene Aggression, wie während einer Aufstellung den Raum verlassen, nicht als Täterschaft wahrgenommen wird. Welche Schwierigkeit so ein Hintergrund für den Umgang mit Vertrauen darstellt, hat uns sehr betroffen gemacht, und auch, wie weit zurück unsere Treue zum System reicht; am meisten allerdings hat uns nachdenklich gestimmt, wie leicht und völlig blind wir selbst zu Tätern werden, wenn wir diese verdammen, und uns ganz und gar auf der Seite der Guten wähnen, der Opfer.

Sneh Victoria Schnabel - Familienstellen
 
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